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„Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“, Tocotronic (1995)

Ursprünglich war das Thema von collabor.at issue 02 „Subkultur“. Dieser Begriff war dann doch zu weitläufig, die Ausgabe 02 wurde zu „Flex, Flux, Fladenbrot“. Während der Recherchen stieß die Redaktion auf einen Text von Rupert Weinzierl, der den bis dato gültigen Subkulturbegriff in Frage stellt. Die Redaktion schließt den Begriff „Subkultur“ nicht aus, verweist aber auf die neusten Trends innerhalb der Jugend-Subkulturen, die Weinzierl als „Substream-Netzwerke“ (Rupert Weinzierl, Fight the power! Eine Geheimgeschichte der Popkultur und die Formierung neuer Substreams, Wien 200, S. 15) zusammenfasst. In der Veränderung innerhalb der Gesellschaft liegt für den Autor die Notwendigkeit begründet, einen klassen- und schichtspezfisch orientierte Subkulturbegriffe zu überwinden. Anstelle der historischen Subkulturen (Punks, Mods,...) treten „subkulturähnliche Mikrogruppierungen“ (Weinzierl 2000, S. 87) In 30 Forschungshypothesen (Weinzierl 2000, S. 88ff.) unterscheidet Weinzierl zwischen einem Substream und einer „historischen“ Jugendsubkultur. Einige Merkmale von Substreams wären: keine Bindung an eine bestimmte gesellschaftliche Klasse, Individualität statt Gruppenidentität, Kurzfristigkeit im Zusammenschluss, ethnische und Genderfragen wichtiger als soziale, stärkere Beteiligung von Frauen und Homosexuellen, starke Nutzung der neuen medialen Technologien, Pluralismus, keine feste Bindung an Ideologien, Verwischung der Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit.

Underground, Subkultur versus Mainstream, Kommerz funktioniert nicht mehr: „Heute scheint es eher die Regel als die Ausnahme zu sein, daß DJs, MusikerInnen, Web-DesignerInnen, KünstlerInnen und sonstige AktivistInnen aus dem Umfeld der Populärkultur sowohl für große Unternehmen Projekte realisieren als auch eigene Vorhaben mit voller künstlerischer Kontrolle und geringem kommerziellen Potential umsetzen.“ (Weinzierl 2000, S. 16) Weinzierl empfindet diese Vereinbarkeit als große Befreiung.

Will man noch „Teil einer Jugendbewegung“ sein, oder trägt man tatsächlich einen Teil von allem in sich und entscheidet situationsbedingt, wie man auftritt: die Teilnehmer von collabor.at werden darauf nicht einheitlich antworten. Und das ist gut so.

Text: Theresia Hauenfels

Christine Baumann und Theresia Hauenfels unterhalten sich, 27. Mai 2002

Christine, wir haben gerade die erfolgreiche Eröffnung Deiner Ausstellung „Ansichts-Sachen“ in der Galerie kulturPendel in Waidhofen/Ybbs hinter uns. Wie fühlst Du Dich?

 Müde und sehr zufrieden. Ich habe mir nicht vorstellen können, dass es eine so runde Sache wird. Und das liegt gewiss daran, dass Du als künstlerische Leiterin mit Deinem Mann Uwe die Ausstellung im Vorfeld und während der Eröffnung so gut eingeführt habt.

100 Leute am ersten Ausstellungstag, noch dazu Sonntag, das soll uns einmal jemand nachmachen.

 Die Lage des kulturPendels mitten im Zentrum und die großen Schaufensterflächen zu zwei Straßenseiten sind ja auch sehr einladend und bieten einen interessanten künstlerischen Raum. Da wird noch viel möglich sein, wenn das kulturPendel noch mehr etabliert ist.

Du hast uns ja zwei große Schaufenster gestaltet, und damit den Betrachtern ungewohnte Einblicke verschafft.

 In Schaufenstern wird gewöhnlicherweise das Neue und Besondere zur „Schau“ gestellt. Mit meiner Installation „Gras wachsen sehen“ habe ich versucht, etwas ganz Banales zum Besonderen zu erheben. Das was auch zwischen den Pflastersteinen vor dem kulturPendel sprießen könnte, ist dort in kleine Blumentöpfe gepflanzt, die man durch runde Gucklöcher in einer Milchglasscheibe sehen kann.

Das heißt etwas Alltägliches wird gewissermaßen ins Rampenlicht gestellt. Ich bin gespannt, wie sich die Waidhofner damit tun werden.

 Die SchülerInnen von Uwe haben gelacht, als ich von meinem Grasanbau berichtet habe. Ich war ja vor der Eröffnung zu einer Kunstunterrichtsstunde von Uwe eingeladen.

Wir haben ganz bewußt junge Menschen eingeladen, um mit Dir, Elke Krasny und ihrer Lehrerin Gabriela Leitner in einer Podiumsdiskussion über Begegnungsformen mit zeitgenössischer Kunst zu reden. Ich glaube, es hat ihnen sehr gefallen, aktiv dabei zu sein. Aber zurück zu den Schaufenstern. Du hast letztes Jahr bei Soho in Ottakring, wo wir uns kennen gelernt haben, in einem ehemaligen Geschäftslokal Deinen „peep-shop“ gezeigt.

 Jetzt wird mir erst bewusst, dass die Schaufensterinstallation an die letztjährige Arbeit anknüpft und auch das kulturPendel war bis vor kurzem ein Ladenlokal.

Wir haben den Angestellten ein Ultimatum gestellt, dass die Öfen aus den Schaufenstern geräumt sein müssen, bevor Du nach Waidhofen kommst.

 Der Aufbau war so nett, weil ständig Leute vorbeigekommen sind und hineingesehen haben. Das war bei Soho letztes Jahr genauso und in meinem Atelier in der Stiegengasse beim Naschmarkt, da hatte ich auch ständig Leute, die mir über die Schulter gesehen haben. Gestern waren auch junge Leute in der Ausstellung, die haben dann noch eine ganze Weile mit dem offenen VW-Bus vor dem Schaufenster geparkt, das hat dem ganzen eine lebendige Atmosphäre gegeben.

Stört es Dich eigentlich, dass unsere Galerie auch stark von der Waidhofner Wirtschaft gesponsert ist?

 Nein, überhaupt nicht. Dadurch ist viel möglich und die Wirtschaftstreibenden sind nicht abgehoben, sondern sind zum Teil Nachbarn, wodurch die Waidhofner eingebunden sind. Es wird ja dennoch sehr viel ehrenamtliche Arbeit geleistet.

Wir müssen halt immer aufpassen, dass man uns nicht zu sehr in unser Ausstellungsprogramm eingreift.

 Das bedeutet, dass Ihr wahrscheinlich auch Ausfälle bei den Sponsoren habt. Aber das würde ich an Eurer Stelle riskieren. Es hat mich allerdings sehr gefreut, dass dem Hauptsponsor meine Arbeiten gut gefallen haben.

Das ist gar kein Ausdruck. Er war begeistert. Wie Du auf den Raum eingegangen bist, den er uns zur Verfügung stellt, hat ihm wirklich sehr gefallen. Das hat er mir nach der Eröffnung ausdrücklich gesagt.

 Neben der Grasinstallation zeige ich noch Malerei, die man eher zur konkreten Kunst zählen kann, also vollständig gegenstandlos und nicht abstrakt sind. Dass Leute, die wahrscheinlich weniger mit derartigen Arbeiten konfrontiert sind, so gut darauf angesprochen haben, hat mich doch erstaunt. Damit habe ich nicht gerechnet.

In der längsten Auslage, gegenüber von einem stark frequentierten Kaffeehaus mit Schanigarten, liegt eine vielteilige Arbeit aus kleinen Leinwandquadraten, die sonst an der Wand hängt. Viele Passanten sind stehen geblieben.

 Diese Arbeit ist variabel, und ich habe sie immer in anderen Hängungen gezeigt. Dass sie liegend auch funktioniert, ist mir Neu. Es handelt sich um geometrische Formen aus weißem Acryl auf naturfarbenem Papier auf Leinwand. Manche halten sie auch für Fliesen.

Fühlst Du Dich da in Deiner Künstlerehre gekränkt?

 Nein, überhaupt nicht.

Und was wäre, wenn eine große Keramikfirma Dich darauf ansprechen würde, das als Fliese auf dem Markt zu bringen?

 Wenn ich als Autorin bleiben könnte, wäre das grandios. Wie wäre es eigentlich mit Email? Ihr habt doch ein Emailwerk vor Ort.

Keine Berührungsängste mit Kommerz?

 Das kommt drauf an. Eine gewisse politische correctness bedeutet mir viel. Glücklicherweise bin ich noch nie beim Verkauf oder Sponsoring in einen Gewissenskonflikt gekommen.

Du hast Dein Atelier ja auch in einem autonomen Kulturzentrum, im WUK, in Wien. Ich muss mich möglichen Sponsoren gegenüber auch rechtfertigen, sozusagen gewinnbringende oder populäre Ausstellungen zu bringen, weigere mich aber, das zu tun. Drum freut es mich umso mehr, dass das Waidhofner Publikum mit künstlerischer Qualität etwas anfangen kann und sich so interessiert zeigt.

 Mit dem Babyclubbing, das ich gemeinsam mit Heike Mangold veranstalte, befinde ich mich in einem ähnlichen Konflikt. Clubbings sind normalerweise gewinnbringend, wir wollen aber Eltern mit ganz kleinen Kindern, die meistens wenig Geld haben, ermöglichen, sich mit ihren Kindern zu amüsieren, ohne viel zu zahlen.

Die Privatisierung von Kunst- und Kulturförderung ist so eine Sache.

 Wenn dadurch mehr möglich wird, ist es in Ordnung. Wenn der Staat sich ganz aus der Verantwortung zieht und die Kunst und Kultur völlig von der Wirtschaft abhängig wird, finde ich es nicht gut.

In unserem Fall hat ein Firmenbesitzer die Initiative ergriffen. Er wollte in seinem Gewölbe anspruchsvolle Kunst präsentieren.

Das finde ich gut. Dann kann ich Euch nur sehr wünschen, dass das kulturPendel wächst und gedeiht wie das Gras in den Blumentöpfen, dem man in den nächsten Wochen beim Sprießen zusehen kann.

http://www.wuk.at/baumann
http://www.kulturvernetzung.at/kulturpendel
kulturPendel, Unterer Stadtplatz 8, 3340 Waidhofen/Ybbs,
Ausstellung: Christine Baumann, Ansichts-Sachen 25.5.-29.6. 2002
Do,Fr 16-19.00, Sa 10-13.00, So 15-18.00
Samstag Galeriefrühstück
kulturPendel Waidhofen/Ybbs Christine Baumann - Ansichts-Sachen Christine Baumann, Gras wachsen sehen about Theresia Hauenfels