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title [year, status] "please do not tell anybody" [2002-03, released]
keywords photography
materials [dimensions] c-prints [15cm x 21cm]

references
Sind das nun Selbstportraits oder spielt uns die Künstlerin hier etwas vor? Schon auf den ersten Blick sieht sich der Betrachter von Silvia Michelis Fotografien mit dieser Frage konfrontiert. Eine klare Antwort gibt es darauf nicht, denn Silvia Micheli vermischt autobiografische mit fiktiven Elementen. Dadurch werden die Grenzen zwischen den klassischen Sujets Selbstportrait und Selbstinszenierung durchlässig, so dass die Suche nach der eigenen Identität formal beginnen kann. Inhaltlich Micheli umkreist dieses zentrale Thema in Darstellungen von Kindheitserfahrungen, Erinnerungen, Reisen, Träumen, Märchen und Initiationsriten. Mit und ohne Blitz erhellt sie für einen (fotografischen) Moment Gefühlszustände wie Traurigkeit, Müdigkeit, Resignation, Isolation und Nostalgie. Tapeten, Teppiche und Stoffe sowie die bedeutungsträchtige Farbe Rot sind immer wiederkehrende Requisiten in Michelis Arbeiten, die sie in kleinen Büchern und Heften zusammenfasst. Mit dieser Präsentationsform unterstreicht sie den narrativen Charakter ihrer Serien. Wie Filmstills aus einem Kurzfilm reihen sich die Bilder zu einer Geschichte aneinander. Entscheidend ist dabei, dass Micheli zwischen den einzelnen Bildern oder Filmkadern auf der narrativen Ebene für den Betrachter genügend Platz lässt, damit dieser ihn wiederum mit Stills aus seinem eigenen (Gedanken-)Film füllen kann. Titel wie „please do not tell anybody“ oder „if i were to show you“ wenden sich appelierend und vertrauensvoll an den Rezipienten wie Zeilen aus einem Popsong.


Die Fotoserie p l e a s e d o n o t t e l l a n y b o d y zeigt elf „Selbstportraits". Die Bilder entstanden ausnahmslos im Haus von Michelis Großmutter. Bekannte Elemente aus Märchen (wie z.B. der angebissene Apfel von Schneewittchen, die "Zertanzten Schuhe", die Stiefel des Gestiefelten Katers, die abgeschnittenen Haare von Rapunzel) sowie Gegenstände aus der Kindheit ( Puppen, ein Kinderwagen, Spielzeug, ein Kuschelkissen, ein Kamm), symbolisieren Träume und Erfahrungen aus der Kindheit. Inmitten dieser Requisiten ist kein kohärenter Körper mehr sichtbar: das Gesicht ist entweder in einem Kissen vergraben, versteckt hinter einem Schrank, einer Lampe, einem Vorhang, verborgen im Dunkeln oder gar nicht sichtbar. Lichtspielereien durch Vorhänge auf Teppiche, wo punktuell ein Haarschopf oder ein einsamer Schuh erhellt werden, unterstreichen die Idee einer Traum- bzw. Märchenwelt und stehen in Opposition zu den beengenden Räumen aus der Kindheit.

Daniela Billner
links

abstract