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title [year, status] "politics of transgression" [2002, concept]
keywords theorie, text
materials [dimensions]

references Richtkanoniere an der Barrikade de la Monnaie beim Aufstand der "Pariser Kommune", 1871
Beat-poet Allen Ginsberg als Anführer einer Demonstration für die Legalisierung von Marijuana, New York, Greenwich Village, 1965
Josephine Baker im Bal Negrè, Rue Blomet, Vth Arrondissement, dem "Harlem von Paris" der 20er Jahre
Londoner Rude Boys [Chuka&Dubem Okonkwo], 1980
Gay-Party im "Bal de la Montagne Sainte-Geneviève", Paris, 20er Jahre
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abstract
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Politics of Transgression

"Ein Hindernis umzustoßen ist schon an sich etwas Verlockendes; die verbotene Handlung bekommt einen Sinn, den sie nicht hatte, ehe uns ein Schrecken von ihr entfernte und sie mit einem Schein von Ruhm umgab ... es ist, als ob das Verbot immer nur das Mittel gewesen wäre, das, was es verwirft, mit einem ruhmvollen Fluch zu treffen." (George Bataille)

Die Krise der sublimen Formen der modernen Politik, das heißt der Ideen der Institutionen, der Revolution, der Repräsentation, des Widerstandes, hat den Diskurs über gesellschaftliche Handlungsmöglichkeiten auf das Feld der Kultur zurückgeführt. Michael Bachtins These der Tradition einer popularen Gegenkultur, die er in "Rabelais und seine Welt" aufgestellt hat, bildet den Ausgangspunkt für Reflexionen über Fundamentierung wie Subversion herrschaftlicher Strukturen. Der groteske Körper und die parodistische Sprache, die Rabelais´ "Gargantua" kennzeichnen, so Bachtin, stellen die gesellschaftlichen Machtverhältnisse seiner Zeit aus der Perspektive der Unterdrückten (des "Volkes") infrage. Sie kehren die symbolische Ordnung um, die der sozialen Ordnung zugrunde liegt - der Karneval als "Politik der Kultur" - und erhalten so das Bild einer möglichen, radikal anderen Welt.

Peter Stallybrass und Allon White haben in ihrem epochalen Text "The Politics & Poetics of Transgression" einige Erweiterungen vorgenommen, die Bachtins Konzept der virtuellen gegenkulturellen "Überschreitung" aktualisieren wie revidieren. Das Spiel mit der Umkehrung von Normen, Sprachgewohnheiten, Verhaltensweisen und Ästhetiken ist kein einseitiger Mechanismus und kein Privileg der Marginalen. Es entspringt auch nicht einer authentischen Energie des "Volkes", sondern begleitet die Herausbildung herrschaftlicher Distinktionen als deren eigenes "Anderes". Es macht Grenzen bewußt. Dissonanz (Jazz&Rock), Schaustellung (der exaltierte Körper von Zirkusleuten, Tätowierten, "Primitiven"), Sex (gleichgeschlechtliche Liebe, Prostitution), Schmutz (das Ghetto, die Großstadt, die Kolonie) und ähnliches sind die historischen Folien, denen gegenüber sich ein bürgerliches Subjekt konstituiert und als Kolonisator der Gesellschaft selbst ermächtigt. In institutionalisierter Form, bei Gelegenheit von zeitlich und räumlich geregelten Festen, in literarischen oder wissenschaftlichen Produkten, wie in Charles Dickens Romanen oder Tissots Pathologie von Paris, werden soziale und ästhetische Regeln sozusagen im Prisma ihrer Überschreitung vorgeführt, bestätigt und bekräftigt. Die "Transgression" muß also nicht, wie Bachtin vermutet hat, ein Akt des Widerstandes sein, sie kann auch als "lizensierter Bruch" mit der dominierenden Kultur aufgefaßt werden.

Der Ausgang ist bekannt: Die moderne Gesellschaft war eine Disziplinargesellschaft. Sie stimulierte und organisierte den Exzeß: als psychiatrische Anstalt, als Fabrik, als Labor, als Kunstwerk. Soviele "Einschließungsmilieus" oder gesellschaftliche Subsysteme sie konstruierte, so viele dynamische Regelwerke und Sonderlogiken (samt ihren institutionalisierbaren Mentalitäten des Widerstandes) rief sie ins Leben - bis hin zu den linear organisierten Transiträumen für Migranten, die (noch) keinen Sonderraum angewiesen bekommen haben. Nun, da die Disziplinar- von der Kontrollgesellschaft abgelöst wird, scheint die Überschreitung ihr Statut zu wechseln, nämlich von der Negativität in die Affirmation. Die Exhibition der eigenen "Differenz" scheint zur ökonomischen Ressource zu werden, und Exzentrik wird zum Anziehungsfaktor in der Politik. (Mitunter auch, wie bei Pim Fortuym, mit fatalem Ausgang.) Werden die popularen Kulturen wie die künstlerischen Avantgarden damit zu unfreiwilligen Komplizen eines kybernetischen Herrschaftsmodells ? Gilles Deleuze hat die Tür doch wieder einen Spalt geöffnet: auch die neue Herrschaftsform der Kontrollgesellschaft generiert keine linearen Menschen-Automaten, sie generiert bloß "dividuelles Kontroll-Material". Was sich verändert hat, sind die Grenzen selbst. Sie verlaufen nicht mehr zwischen legitimer und popularer/avantgardistischer Kultur, sondern innerhalb der "illegitimen" Kulturen. Vielleicht darf man sagen: die spontanen transgressiven Akte, die stummen Praktiken aus dem kulturellen Repertoire des Widerstandes gegen die Disziplinargesellschaft - von der Lektüre verbotener Bücher eines Marquis de Sade über die Alkohol-, Drogen- und Sex-Exzesse des frühen schwarzen Jazz bis zur Anti-Ästhetik des Punk - haben in der Kontrollgesellschaft ihre Unschuld verloren. Es wäre Zeit, sie in Akte der "intentionalen Überschreitung" (Tim Cresswell) überzuführen.