collabor.at | playground  >  roman_tschiedl  >  text-pix-loops  login 

title [year, status] "clubs urbane sehnsucht" [2001, work_in_progress]
keywords text + tinitus + clublights
materials [dimensions]

references
links

abstract
 








clubs urbane sehnsucht




an orten die bloß den zügigen verkehr von personen und waren ermöglichen, einer kommunikation die entweder gar nicht, über distanzen oder virtuell, also disloziert vom tatsächlichen physischen aufenthaltsort und ohne jeglichen individuellen charakter geschieht, wird uns der defiziente zustand eines daseins das rein nach rationalen und funktionellen maßstäben organisiert ist, die freiheit des geistes mit der freiheit im konsum verwechselt und für menschliche bedürfnisse die nicht über ein klares zahlenkalkül ermittelt werden können nur unzureichend lösungen bietet, dunkel aber immer schmerzlicher bewußt.
wir sind entwurzelte, nomaden einer beschleunigten welt denen es aber nicht gelingen will so funktionell zu sein wie das von uns geschaffene und gehegte system und "aus dieser zerrissenheit des modernen menschen wächst [die sehnsucht] heraus."1

die sehnsucht, ihrem wesen nach "ein hoher grad eines ... heftigen verlangens nach etwas, besonders wenn man keine hoffnung hat , das verlangte zu erlangen, oder ... die erlangung noch ungewisz, noch entfernt ist"2 wird so zu einem allgegenwärtigen aspekt des bewußtseins, den wir aber der effizienz willen und aus der unmöglichkeit heraus schwäche zeigen zu dürfen verdrängen oder in ersatzhandlungen kanalisieren.

der vom zweck infizierte, moderne geist hat im laufe der zeit versucht all jene teile der menschlichen psyche zu sublimieren die nicht zweckgebunden zu sein schienen, sie als überbleibsel unaufgeklärter zeiten, dem rationalen menschen unwürdig abzutun.
in dieser entwicklung mußte es zwangsweise zu einem vakuum nicht gelebter triebe und ambitionen kommen die doch immer wieder und meist in zivilisatorisch entgegengesetzter richtung zu tage treten, gleich einem öltropfen der auch nach kräftigem rühren nicht dispergiert sondern immer wieder an die wasseroberfläche tritt.
so geschehen mit den ritualen der religion, der balz, der feier, der uns immer noch innewohnenden tendenz zur stammesdifferenzierung und der identitätsfindung des jungen individuums in der gesellschaft, sprich all jenen aspekten des täglichen lebens die in primitiven gesellschaften durch eine fülle von "extensiv interpretierten gebräuchen geregelt"3 wird.
an diesem punkt wird der club zu einer kult[ur]stätte moderner ausprägung, einer bergenden hülle in die jeder besucher seine zutiefst persönlichen sehnsüchte projiziert, ob profaner balzplatz oder meditativer tempel die spanne der möglichkeiten ist so weit die sehnsucht reicht, machtorientiertes lustprinzip und weltabgewandtes streben nach spiritueller erfahrung, bloße selbstdarstellung und dionysischer stammestanz all das seite an seite und darüber thront das prinzip der "freien wahl".





wenn der winter über die stadt hereinbricht, man der inneren einsamkeit und der belanglosigkeit eines flimmernden fernsehgerätes ausgeliefert ist, regt sich ein archaischer hunger, die vielzahl der profanen und sublimierten sehnsüchte verlangt nach erfüllung und spätestens dann wirst auch du wider einmal die denkbar einfachste aller möglichkeiten wählen, um alldem kurzzeitig die erlösung in aussicht zu stellen.
du wirst einen club besuchen, diesen kulminationspunkt multipler sehnsüchte.


vordergründig erscheint der club als amüsierbetrieb, in seiner struktur ein multifunktionaler, zumeist nüchterner raum in dem durch austausch von waren und dienstleistungen profit lukriert wird [was nicht unbedingt abweicht vom schema aller modernen orte].
ein ort der institutionalisierten feier als "ein gestatteter, vielmehr ein gebotener[!] exzeß..." bei dem die "festliche stimmung [...] durch die freigebung des sonst verbotenen erzeugt"4 wird, um uns die "zustimmung zur welt"5 überhaupt zu ermöglichen, "uns vergessen zu machen daß wir einsam, elend und dem tode geweiht sind. anders gesagt ist es das ziel der feier uns in tiere zu verwandeln."6

in jedem falle so scheint es ist die erfüllung jener sehnsüchte nur unter dem vollzug eines bewußten oder unbewußten rückschrittes zu erlangen.



die sehnsucht nach spiritualität, zeigt sich einerseits im bestreben teil einer gruppe von gleichgesinnten zu sein, die vereint im sinne der feier "ein göttliches jasagen zu sich aus animaler fülle und vollkommenheit"7 zelebriert, einem modern-paganischen ansatz um in bestem zeitgeist den göttern der bloßen existenz seiner selbst in jugendlicher stärke und [konsum]kraft zu huldigen.
andererseits als zutiefst subjektives erleben des geschehens auf einer mystischen ebene. die parallelen zu selbstvergessenen tanzenden auf partys sind offensichtlich wenn wir nur den ursprung des wortes mystik, vom "griechischen myein "die augen schließen", um alle sinnliche wahrnehmung auszuschalten und statt ihrer zur inneren, göttlichen erleuchtung zu gelangen"8, betrachten.

immer gleich ist mittlerweile nur die methode zur erreichung dieser "höheren bewußtseinsebene", die sich grundlegend durch eine, unter "verwendung von erregungs- und berauschungsmitteln, von musik und tanz"9 herbeigeführte ekstase kennzeichnet, einem "erregungszustand in dem die höchste aufgipfelung des lebensgefühls erfahren wird", sich "unter völligem verlöschen des gegenstandsbewusstseins und unter dem abbau der ichfunktionen und damit dem verschwinden der individuationsgrenzen"10 vollzieht, also einem auflösen für das die, an die grenzen des erträglichen gehende, reizüberflutung im club das werkzeug darstellt.

der technobeat als das tamburin des modernen wilden, das repetative mantra des atheistischen "homo consumans"11. die tanzfläche als sein ritualplatz, der dj sein schamane, das stroboskop sein feuer, der dealer sein medizinmann und der club eine zelle zur meditation und abschottung von der außenwelt.
ist der clubbesucher religiöser als er das wahrhaben will?



sehnsucht nach der herde, also jenem höchst ambivalenten zusammentreffen von individuen das für den einzelnen meist als eine steigerung des sicherheits-, stärke- und machtgefühls empfunden wird, das wir im alltäglichen leben, in einer anonymisierten umgebung aber genauso als ein gefühl der unsicherheit erleben. die anwesenheit dieser herde macht eine gelöste stimmung, ein ungehemmtes agieren und aufbauen eines lustgefühls "welches, um erregt zu werden, zu seiner voraussetzung kleine hemmungen und unlustgefühle nötig hat"12, der besucher im club erst möglich.



sehnsucht nach der unschuld, uns selbst zu tiefst bewußt und gepeinigt von der eigenen ohnmacht vor der allgegenwärtigkeit unabdingbarer regeln der marktgesellschaft, flüchten wir uns an einen ort des konsums als fänden wir eben dort den guten wilden in uns. wie gerne hätten wir unsere tierische kondition zurück um in bacchantischem rausch ganz instinkt, bloßer wille und ohne rechtfertigung des eigenen daseins selbstzweck zu sein, denn "überall drückt sich das bedürfnis aus, irgendwie macht doch noch auszuüben oder sich selbst den anschein von macht zeitweilig zu schaffen als rausch."13

sehnsucht nach der bühne, "wo man es nicht nötig hat sich zu wehren"14 und durch die uneingeschränkte selbstdarstellung die potenz des subjekts zu tage tritt, überwindet es die hierarchie der gruppe und die eigenen selbstzweifel, auf das die lust sich mehre und eben dieser "willen zum mehr liegt im wesen der lust: daß die macht wächst, daß die differenz ins bewußtsein tritt."15

sehnsucht nach unendlichkeit, denn gerät der besucher letztendlich in einen annähernden zustand von ekstase, so drängt sich ihm der wunsch auf daß dies doch nicht enden möge, sich das gefühl dieser einen nacht einer moebiusschleife gleich fortsetzte. egal ob er nun dem dasein als "teil eines höheren ganzen" gewahr wurde oder er am ende sein teil einer glamourösen welt in anspruch nimmt, die "terrorisiert vom gedanken an den tod"16 das faktische ihrer bloßen, von technik und industrie geschönten, existenz zelebriert.

sehnsucht nach dem narziss, allen versuchen zum trotz ist es uns doch kaum möglich "zu welcher fusion auch immer zu gelangen"17, denn kennzeichnend ist das streben nach egozentrischer selbstverwirklichung das die basis der motivation bildet. wenn aus dem schleier der masse verstohlene blicke auf objekte der begierde fallen, sich das geschehen letztendlich wider um die befriedigung physischer triebe dreht und der club zum universellen balzplatz wird, dann liegt uns nicht die liebe zum gegenüber am herzen, vielmehr ist es das ego das nach liebe dürstet, das in einer auf visuelle und haptische eindrücke reduzierten welt [denn das gesprochene wort ist auf das notwendigste reduziert und hat in dieser umgebung mangels verständlichkeit seinen schrecken als quell des mißverständnisses verloren] nach bestätigung sucht. es will nicht lieben, es will in seiner erscheinung geliebt werden, damit es sich selbst als [mehr]wertig akzeptieren kann.


sehnsucht nach liebe, wohl die hoffnungsloseste sehnsucht im club, obgleich deren chimäre als allgegenwärtig und die treibendste kraft zu betrachten ist, müssen wir uns das immanente scheitern an diesem begehren eingestehen.



anmerkungen:
1  r.huch: blütezeit der romantik [1911] s.124.
2  grimm: 10/1 [1905] s.157 [art. [s.]]
3  e. durkheim: la division du travail, s.103
4  s.freud: totem und tabu, ges. werke 9 [london 1940ff] s.170
5  j.pieper: zustimmung zur welt; eine theorie des festes [1963] titel u. passim.
6  m.houellebecq: die feier, die welt als supermarkt [2001] s.15ff
7  f.nietzsche: werke, musarion – a. 19 [1926] s.292
8  j.hoffmeister: wörterb. d. philosoph. grundbegriffe, [1954] s.417 [art.[mystik]]
9  j.hoffmeister: wörterb. d. philosoph. grundbegriffe, [1954] s.417 [art.[mystik]]
10  j.hoffmeister: wörterb. d. philosoph. grundbegriffe, [1954] s.417 [art.[ekstase]]
11  f.beigbeder: 39,90 ; [2001]
12  f.nietzsche: die maskierten arten d. willens z. macht, werke bd. 2 [21983] s.203ff
13  ibid
14  f.nietzsche: die décadence, werke bd. 2 [21983] s.233
15  f.nietzsche: die maskierten arten d. willens z. macht, werke bd. 2 [21983] s.203ff
16  m.houellebecq: die feier, die welt als supermarkt [2001] s.15ff
17  ibid, 15ff