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title [year, status] "urban delirium" [2002, concept]
keywords architecture, text
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Urban Delirium

Ein Versuch ueber Masse und Stadt


Wird die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts dem Stadtzentrum den Ruecken zukehren und dieses endgueltig dem Denkmalschutz zur musealen Pflege ueberlassen?”, etwas zusammenfassend formuliert ist das eine der momentan am fleissigsten diskutierten Fragen in der Architektur. Die fortschreitenden Technologien, vor allen Dingen aber die unglaublichen Moeglichkeiten des Internets, lassen von Staedten traeumen und schwaermen, die mit den gegenwaertigen absolut nichts mehr gemein haben. Wolkenkratzer am Rande eines Reisfeldes symbolisieren die “neue dezentrale Stadt”, die den guten alten Kirchplatz und dessen administrative und unterhaltende Umgebung nicht mehr benoetigt. Doch nicht allein das Reisfeld als schoenes Symbol liess den Blick vieler Theoretiker gen Osten schweifen. Der schier unendliche Wachstumswille der Metropolen in China, Thailand und Japan rueckte Shenzen, Shanghai und Tokyo in das hellste Rampenlicht der Vergleiche. Vor allen Dingen die Hauptstadt Japans gilt als Musterstadt und Vorbild fuer urbane Visionen.

Der wohl wesentlichste Grund fuer diese ruhmreiche Rolle ist die, bereits erwaehnte, Dezentralitaet Tokyos. Die Suche nach einem definitiven Zentrum, wie wir es aus Europa kennen, wird erfolglos bleiben, denn die machtvolle Ansammlung von Verwaltungsbauten, Theatern und Geschaeften existiert in Tokyo nicht. Vielmehr besteht die Stadt aus stellenweisen, urbanen Verdichtungen, die scheinbar zufaellig Funktionen buendeln. Im Gegensatz zu den gewachsenen Zentren in Europas Hauptstaedten, die vorgeben, die gesamte Kraft der Stadt an einer einzigen Stelle zu konzentrieren, wirkt Tokyo zerstreut und desorganisiert. Politische und wirtschaftliche Macht, Einkaufsparadiese und Kulturstaetten liegen in allen Teilen der Stadt. Die dezentrale Organisation erfordert nicht nur lange Wege und strikte Zeitplaene, sondern auch aussergewoehnlich gute Kenntnisse ueber die Stadt selbst. Die Bewohner Tokyos beduerfen sehr detailierter Informationen, um Taetigkeiten verrichten zu koennen, die innerhalb des jeweiligen Wohnviertels nicht mehr moeglich sind. Beispielsweise ist der Besuch eines Kinos ohne die genaue Kenntnis von Programm und Lage der einzelnen Spielstaetten beinahe unmoeglich.

Weiters kompensieren sogenannte Subzentren die Nichtexistenz eines Stadtkerns im europaeisch zentralistischem Sinn. Lebenserhaltende, urbane Funktionen, wie Kaufhaeuser, Maerkte oder Restaurants buendeln sich um U- und Stadtbahnstationen zu Subzentren, die aufgrund der enormen Groesse Tokyos schon eher dem ersten Wiener Bezirk aehneln, als einem vorstaedtischen Graetzel. Derartige Subzentren entsprechen noch am ehesten der europaeischen Vorstellung einer “city”, obwohl die Distanz zu wichtigen Schaltstellen, wie zum Beispiel grossen Bahnhoefen, zumeist mehr als 10 km betraegt. An den Stadtraendern von Tokyo sind mancherorts Ansammlungen von Kaufhaeusern und Restaurants zu finden, die ihresgleichen in Europa lange suchen wuerden.

Anhand dieser Betrachtungen laesst sich erkennen, dass eine Stadt ohne Zentrum moeglich ist und der gegenwaertige Entwicklungsstand von Internet, Arbeitsmarkt und Gentechnologie laesst Theorien ueber eine vollstaendig dezentral organisierte Stadt zu. Das Internet wird nicht nur die sogenannte Heimarbeit ermoeglichen, die ohnehin schon laengst Realitaet ist, sondern auch viele Funktionen des taeglichen Lebens in den virtuellen Raum verlegen. Dieses Umsteigen vom realen in den virtuellen Raum kann zu einer vollstaendigen Gleichstellung aller urbanen Lagen fuehren, ganz egal ob sie sich am Stadtrand oder im Zentrum befinden. Alle taeglich notwendigen Taetigkeiten, wie arbeiten, studieren, shoppen oder reden werden problemlos via Netz abgewickelt, waehrend sich Spazierwege, Fitnessclubs oder Restaurants verstaerkt in den jeweiligen Subzentren ansiedeln und somit jeder weite Weg vermieden wird.

Sogar die medizinische Versorgung koennte in naeherer Zukunft voellig ortsunabhaengig abgewickelt werden. Der Fortschritt innerhalb der medizinisch- technologischen- und besonders der Stammzellenforschung wird ueber kurz oder lang eine Auslagerung der stationaeren Behandlungen in das traute Heim mit Sicherheit moeglich machen.

Doch all diesen Phaenomenen und Visionen stemmt sich nun ein Zustand entgegen, den Wolfgang Koelbl in seinem bemerkenswerten Buch: “Tokyo Superdichte” als Superdichte bezeichnet. 3 000 000 Menschen stroemen taeglich durch und vor allen Dingen zum Bahnhof Shinjuku, einer wesentlichen Schaltstelle Tokyos. Die Station selbst ist eine der bedeutensten der Stadt, doch das Ausmass der anwesenden Menschmasse einzig diesem Faktum zuzuschreiben, ist falsch. Shinjuku dient nicht nur dem Umsteigen, sondern groesstenteils als Ziel der 3 000 000 Fahrgaeste. Um den eigentlichen Bahnhof gruppieren sich Buero- und Geschaeftsviertel, mehr als 10 Grosskaufhaeuser, kilometerlange, unterirdische Einkaufspassagen, Restaurants und Rotlichtetablissements. Jugendliche treffen sich hier, um sich den letzten Modetrends hinzugeben, Bueroangestellte nehmen hier ihren lunch und ihr dinner ein und Politiker betreiben vor den Ausgaengen des Bahnhofs lauthals Wahlwerbung. Riesige Plakatwaende und Grossbildschirme bewerben mit dazugehoeriger Musikuntermahlung die Kinos, Geschafte und Restaurants der Umgebung.

Was aber macht diese enorme Anziehungskraft Shinjukus aus, dass sich Millionen von Menschen trotz der Unannehmlichkeiten der Massen taeglich freiwillig dorthin bewegen, um einzukaufen, zu essen oder sich zu vergnuegen? Wieso werden die uebrfuellten Kaufhaeuser und Geschaeftspassagen den ruhigeren Einkaufszentren der Vororte mit gleichem Warenangebot vorgezogen? Ich bezeichne diese Faszination hochfrequentierter Stadtteile als “urban delirium”. Aehnlich wie ein Strassenkuenstler umso mehr neue Zuschauer gewinnen wird, je mehr er schon hat, ziehen die Menschen, die einen urbanen Raum bevoelkern, weitere Menschen an. Kurz gesagt: der einzelne sucht die Masse und wird so Bestandteil einer immer neuen Masse.

Wenn nun aber ohnehin alles Erdenkliche per Netzwerk und Botendiensten liefer- und erledigbar ist, warum koennen dann solche Situationen entstehen, bzw. warum verringert sich diese Menschenmasse in den superdichten Zonen nicht durch die permanente Aufwertung der Netzstrukturen? Trotz all der technischen Wunderwerke sind die Stadtraeume weiterhin mit Menschen gefuellt und es waere wohl etwas uebertrieben, den Grund dafuer in der besonderen Schoenheit oder dem historisch Interessanten der urbanen Vergnuegungs- und Shoppinggebiete zu suchen. Genausowenig ist es aber zulaessig, die gegenwaertige Gesellschaft als dumm oder stumpfsinnig zu bezeichnen, nur weil Shopping und organisiertes Vergnuegen zu einem wesentlichen Bestandteil des taeglichen Lebens geworden sind. Derartige Argumente bezeugen nichts anderes als elitaeres und konservatives Denken.

Die Bewegung im Stadtraum definiert sich vor allen Dingen durch den Zufall. Obwohl laut Elias Canetti der Mensch nichts mehr hasst, als eine unvorhersehgesehene Beruehrung, ist die zufaellige Begegnung ein wesentlicher, urbaner Faktor. Das zufaellige Aufeinandertreffen zweier Individuen ermoeglicht die Schaffung einer unvorhergesehenen Situation. Diese Zufaelligkeit und Unplanbarkeit ist bedeutend fuer jene Zeit, die angeblich immer mehr und immer wichtiger wird: der Freizeit. Waehrend dieser akzeptiert der Stadtbewohner lange Wege, ueberfuellte U-Bahnen und Kaufhaeuser, etc. um sich dem Zufaelligen und somit einem emotianalen Realraum aussetzen zu koennen. In diesem Sinne wird der virtuelle Raum wohl eher zum Aussterben der Subzentren fuehren, als zur verstaerkten Dezentralisierung.

Die Frage, warum sich der Stadtbewohner gern und wiederholt dem Zufaelligen aussetzt, sollte wohl Philosophen und Psychologen ueberlassen werden. Fakt ist, dass es passiert, dass das individuelle Ausklinken aus dem Stundenplan der Gesellschaft ausserordentlich wichtig ist. Gerade in Tokyo, wo 30 Millionen Menschen auf engem Raum zusammenleben, verdeutlicht sich dieses Phänomen. Die Beispiele dafuer umspannen einen weiten Bogen von ungeplanten Erlebnissen, reichen von simplen Begegnungen bis zur politischen Manipulation von Menschenmassen. Das Unerwartete beinhaltet bei all diesen Situationen einen wesentlichen Faktor: einen gewissen Rauschzustand fuer den Einzelnen. Jede Art von Ueberraschung, aber auch intensive Erwartungshaltungen sind zutiefst emotional, unkontrollierbar und vor allen Dingen begehrenswert. Emotionale Situationen empfinden wir als eine Art von Rauschzustand, wobei der Einzelne in vielen Faellen das Beduerfnis hat, diesen mit anderen zu teilen. Der gemeinsame Rausch wird intensiver und emotionaler empfunden. Die Masse an sich ist viel leichter dazu in der Lage, einen Rauschzustand zu erzeugen, als eine kleine Gruppe oder gar ein Einzelner. Der eigentlich banale und unwichtige Moment eines Tors bei einem Fussballspiel kann nirgends so stark empfunden werden, als inmitten von tausenden Gleichgesinnten in einem Stadion.

Die Masse bietet insofern die Moeglichkeit zu ungeplanten, emotionalen Situationen und zur uneingeschraenkten Imitation. Innerhalb der Menschenmenge darf das Individuum ungestraft und nach Herzenslust kopieren. Emotionen, Mode, Bewegung,… die Masse verzeiht die sonst verpoente Kopie eines Anderen. Im Gegensatz zur geplanten individuellen Welt wird die Imitation sogar gefoerdert, um als Gemeinsames dargestellt und in Emotion verwandelt zu werden. Dieses Verhalten innerhalb der Masse steht im Gegensatz zum sogenannten, normalen Leben in dem der Wunsch, Vorbilder zu kopieren und die geforderte, individuelle Einzigartigkeit in permanentem Widerspruch zueinander stehen.

Diese Beispiele reichen natuerlich nicht aus, um das Wesen der Masse zu beschreiben, doch zeigen sie sehr deutlich, dass Emotionen in der Menschenmenge einfacher zu erreichen sind. Somit stellt die Masse auch eine bedeutende, urbane Komponente dar, die sich nicht einfach durch simple Messungen von Bewegungsstroemen analysieren laesst. Urban Delirium bezeichnet nicht den staerksten emotionalen Zustand, sondern beginnt schon bei jener minimalen Aufregung des einzelnen Stadtbenutzers, die bei jeder Art von unerwarteter Situation eintritt.

Urban Delirium bedeutet den Ausstieg aus dem geregelten Leben und offensichtlich funktioniert die Menschenmasse besonders gut, um den Zustand zu finden. Nicht weniger als 15 Bahnminuten von Shinjuku entfernt gibt es ein Subzentrum, in dem exakt die gleichen Kaufhaeuser zu finden sind, in dem das Angebot der Waren und Marken beinahe dem der superdichten Zone entspricht und trotzdem erscheint dieses Subzentrum im Gegensatz zu Shinjuku menschenleer. Der Akt des Vergnuegens allein reicht nicht aus, um tatsaechlich als Grund fuer die Anziehungskraft eines Gebietes genannt werden zu koennen. Urbanener Raum definiert sich scheinbar nicht nur durch Funktionen, sondern auch durch die Emotionen der sogenannten Benutzer. Insofern ist es vielleicht komisch, wenn sich Architektur und Stadtraum durch ihren jeweiligen Sinn entwickeln und definieren sollen.

Shopping oder Freizeitgestaltung im allgemeinen ist sinnlos, die jeweiligen Vorgaenge passieren letztendlich durch emotional gefasste Entschluesse. Die Gesellschaft der Zukunft wird mit Sicherheit in immer staerkerem Ausmass mit genau dieser Freizeitgestaltung konfrontiert werden, denn schon jetzt dient in der sogenannten ersten Welt der propagierte Lebenssinn “Arbeit” oft nicht mehr dem schlichten Ueberleben. Diese Gesellschaften sind dem Ueberlebenskampf mittlerweile entronnen, waerend die Denkweisen noch diesem verhaftet sind. Etwas provokant liesse sich vermutlich schon jetzt die Behauptung aufstellen, dass Arbeit in vielen Faellen nur Beschaeftigung ist. Die Arbeit verliert den Sinn und dadurch stellt sich in immer staerker werdendem Ausmaß die Frage nach diesem. Die vergnuegungssuechtige Masse bietet die Moeglichkeit, aus diesem Denkrelikt “Sinn”, kurzfristig zu entkommen. Urban Delirium ist gegenwaertig ein wesentlicher, doch ignorierter Bestandteil des Stadtraums, eine kontinuierliche Weiterentwicklung der Gesellschaft wird aber auch zu verstaerkter Bedeutung dieses Phaenomens fuehren.

Solange sich die Architektur dem gegenueber verschliesst, die Emotion als Faktor unterbewertet und jede Art von Raumbildung einzig einer rationalen, funktionalen Erklaerung verschreibt, koennen kaum zukuenftige Stadtkonzepte entwickelt werden. Das emotionale Verhalten innerhalb der Masse ist weder dumpf, noch messbar und schon gar nicht eine grundsaetzliche Gefahr, sondern ein wesentliches, urbanes Element. Insofern muss die Beschaeftigung mit Urban Delirium fuer das Schaffen von Architektur eine Rolle spielen und die strenge, funktionale Gliederung des Stadtraums aus dem Denken verschwinden. Warum soll nicht auch die Stadt selbst zum emotionalen Raum werden, zur Sinnlosarchitektur. Rationaler Erklaerungsbedarf fuer jedes architektonische Element ist nichts anderes als ein niemals ueberdachtes Relikt der Moderne. Solange die Architektur so brav dem Sinn verhaftet bleibt, schreitet sie Hand in Hand mit reaktionaeren Denkern. Will das die zeitgenoessische Architektur?

Martin Hablesreiter Juni 2002