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title [year, status] "entfernung der aura" [2001, concept]
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entfernung der aura


"was ist eigentlich aura? ein sonderbares gespinst aus raum und zeit: einmalige erscheinung einer ferne, so nah sie sein mag. an einem sommernachmittag ruhend einem gebirgszug am himmel oder einem zweig folgen, der seinen schatten auf den ruhenden wirft - das heisst die aura dieser berge atmen."1
für das kunstwerk stellt benjamin den verfall der aura fest; ihr residuum findet er in räumen, die so zugänglich sind wie ihre grenzen unerreichbar: die aura verfliegt, versucht man ihr nahezukommen. besorgt das beim kunstwerk seine massenhaften reproduktion und verbreitung, so ist auch die aura des gebirgszuges, des zweiges längst versehrt. zwar lässt sich dieser selbstvergessenene, fast fühl- und gewichtslose zustand noch erfahren; doch was für augenblicke flüchtig das bewusstsein streift, sind fetzen jenes längst zerrissenen gespinstes. die ferne ist erreichbar geworden und kann ihr versprechen als ziel und ort jeder flucht nicht mehr halten. nach jahren im meist elenden französischen exil floh benjamin 1940 vor den unfassbar schnell vorrückenden deutschen truppen; am fuss der pyrenäen, der grenze des unerreichbaren rettenden spanien nahm er sich das leben. andere verfolgte überlebten verstreut über alle kontinente; der sieg über den faschismus bedeutete nicht notwendig das ende des exils. was früher vielleicht heimat gewesen war, hatte sich in landschaften verwandelt, die so fremd und fern waren wie einst zuvor die orte der flucht.

seitdem sich einen ort vorzustellen, von dem aus die aura des fernen sich selbstständlich wahrnehmen liesse, ist kaum mehr möglich; um so spürbarer ist die sehnsucht nach ihrer rekonstruktion. als fehlende hat sie tiefe spuren hinterlassen, die noch jenen techniken und diskursen eingeschrieben ist, die bis in den heutigen alltag hinein ihre zerstörung unnachsichtig fortsetzen. vor allem in der kunstgeschichte wird noch gestritten, ob das kunstwerk durch seine technische reproduzierbarkeit die aura einbüsse; weil diese disziplin mit originalen konkret kaum in berührung kommt, scheint die fragestellung allerdings recht metaphysisch. "die kathedrale verläßt ihren platz, um in dem studio eines kunstfreundes aufnahme zu finden."2 die aufhebung einer ferne, die hier die reproduktive photographie vornimmt, hat ihre entsprechung in den alltäglichen und allgegenwärtigen bilderwelten: der anblick von blühenden berghängen und im himmelsblau verfliessenden bergkämmen lässt frischkäse, neuwagen und schokolade assoziieren, die idylle eines lockeren mischwaldes erinnert an tiefkühlkost, magenbitter und honig, und all diese bilder überdies sind ihrerseits technisch hergestellte reproduktionen. die ware wird zum propheten eines heilsversprechens, das den konsum an die stelle der utopie setzt: wo letztere nur ihre ungewisse aufhebung anbieten kann, gewährt letztere temporäre fluchten.

so fern kunstgeschichte und werbung in ihren zielen und methoden zueinander stehen mögen: sie treffen einander unvermutet häufig in ihrem bestreben, die welt um etwas zu ergänzen, das ihr fehlt. unzufrieden damit, dass die aura nur noch als abwesende präsent ist, rekonstruieren und reformieren sie sie und kontaminieren die gegenwart willkürlich mit spolien einer manifest gewordenen, objektiven und unveränderlichen vergangenheit, die in ihren grundfesten dem historismus aufsitzt, statt die stets neue erfahrung mit ihr als gegenwart zu begreifen. die zerfallende, widersprüchliche und unverständliche welt wird von dem temporären surrogaten zu einer ganzen heilen welt ausbalanciert. aus diesem erträumten gleichgewicht zu fallen, könnte die darin aufgehobene utopie frei werden und das in der vergangenheit verlorene, vergessene, unzugängliche seinen platz in der gegenwart einnehmen lassen: als einen veränderlichen, sich verändernden anteil.



1 walter benjamin: das kunstwerk im zeitalter seiner technischen reproduzierbarkeit. erste fassung. in: ders.: gesammelte schriften, frankfurt 1991, band i/2, p. 440
2ibid, p. 438