Das Ende einer Kommunikationsära
& die Wiederkehr des Morsens in der populären und nicht mehr ganz so populären Musik
Den meisten mag das Morsen noch als Piepsen aus dem Äther geläufig sein, doch auch nach dem offiziellen Ende der Telegrafieära im Seefunk am 1. Feber 1999 bleiben uns Morsesignale auch in Zukunft in akustischer Form erhalten, nämlich in archivierter, versteckter Form auf zahlreichen Tonträger, eingebettet in ein musikalisches Grundgerüst; gab es doch einige Musiker, die sich der nichtendenwollenden Strich-Punkt-Linien annahmen, und sie in ihre Songs einfließen ließen (ob hierzu auch Ludwig van Beethoven gezählt werden sollte, der 1808, lange vor Samuel Morse, in seiner V. Sinfonie bereits ein di di di dah – Motiv verwendete, darüber läßt sich jedoch streiten).
Natürlich beinhaltet nicht alles was piepst eine steganographische Botschaft; einerseits wurden von telegraphisch weniger bewanderten Musikern Morsezeichen einfach 1:1 aus einer x-beliebigen Kurzwellenübertragung sampletechnisch in eine semantisch völlig falsche Umgebung befördert, woanders wiederum hat es einigen der bloße Morsesound derart angetan, dass das Piepsen einfach nur ein Piepsen bleibt, also als rein akustisches Element verstanden wird.
Aber immerhin wurde es von einigen Musikern auch verstanden, Morsesignale als Informationsträger zu instrumentalisieren, was einige Fallbeispiele aus dem aktuellen, aber vielleicht auch nicht mehr ganz so aktuellen, populärmusikalischen Schaffen dokumentieren:
1. KRAFTWERK – Radioaktivität
Der Klassiker. Die Morsesignale kommen in diesem Stück daher, wo sie eigentlich auch in Wirklichkeit hingehören, nämlich quasi aus dem Äther/Weltraum. Sicher eines der bekanntesten (und vielleicht auch hörbarsten) Morsestücke. Neben dem immer wiederkehrenden Radioactivity–Fragment gibt es zwei Teile, die sich (absichtlich?) unterscheiden:
00:12 Radioactivity
02:09 Radioactivity is in the air for you and me
03:53 Radioactivity discovered by Madame Curie Radioactivity tune into the [Pause] Kraftwerk
2. MIKE OLDFIELD – Amarok
Passender Titel wäre vielleicht „Amok“, bringt Herr Oldfield seine Gefühle auf diesem Tonträger doch sehr deutlich zum Ausdruck.
Zur Zeitmarke 15:09 und 23:17 hört man je zweimal das Morsezeichen SOS. Ein etwaiger Hilferuf Mike Oldfields, der sich in den Händen der Musikindustrie gefangen sah, seine Seele zu retten? Zwischen den Zeitmarken 48:05 bis 48:42 hört man in einem synthetischen Sound klar und deutlich die Zeichenkette FUCK OFF R B. Diese Morsenachricht ist vermutlich an Mikes ehemaligen Plattenboß und notorischen Ballon-Geisterfahrer Richard Branson (Virgin) gerichtet. Sicher eine der schönsten Morsebotschaften in einem Musikstück.
3. THE ALAN PARSON PROJECT – Lucifer
Hier hört man zu Beginn drei überlagernde Morsesendungen, wobei in zwei Fällen – mit unterschiedlichen Tonhöhen – VVV de 6WWEVE.
4. SILVER CONVENTION – Telegramm (Grand Prix Beitrag Deutschland 1977)
Morse–Content im ABBA–Soundgewand für den Eurovisions-Songcontest; hier wurde sogar bei der Morsebotschaft geschludert. Das Lied beginnt mit einem langsamen und fehlerbehafteten Telegrafietext. Ein Keyboard tastet: LOVE NMOIM STOEG (= LOVE YOU STOP). Im weiteren Liedverlauf erfolgt dann zweimal der Morsetext LOVE P. Wer mag wohl P sein? Und: Wer soll das verstehen?
5. PAUL MCCARTNEY & THE WINGS – Morse Moose and the Grey Goose
Dieser Song kippt eigentlich aus dem Rahmen der hier aufgeführten, da man hier nur unbestimmte, morseähnliche Rhythmen hört. Dennoch hat dieses Lied eine besondere Morsebedeutung! Auszug aus dem Buch Paul McCartney und seine Songs (1991): Eines Nachts spielten wir bloß ein bißchen rum und das elektrische Piano wurde aufgestellt. Plötzlich hatten wir dieses seltsame, unheimliche Geräusch drauf. Wie ein Morsecode. Denny ging rüber ans Piano und spielte darauf rum, so daß wir am Schluß 6 Minuten von diesem Geräusch, dieser Art elektrischen Morsecodelärm hatten. Wir machten dann diesen anderen kleinen Song, genannt „The Grey Goose“ ....
War nun ein Elektro-Magnetisches-Verträglichkeitsproblem für diesen „Problem“ verantwortlich?
6. OASIS – D’You Know What I Mean
Oasis wollen hier wiedereinmal mehr nach den Beatles klingen, als diese selbst. Nach dem anfänglichen Flugzeuglärm kommt der Morsecode, „inspired by Strawberry Fields“; wo einst die Meister selbst immer wiederkehrend J L morsten – wobei hier nicht schwer zu erraten sein sollte, welcher Beatle damit gemeint ist. Bugger All telegrafieren die Gallaghers nach der Textzeile Don't look back, 'cos you know what you might see. Was wohl soviel heißen soll, daß alle Arschlöcher sind.
7. REINHARD MEY – Das Narrenschiff
Eine Seefahrt mit Reinhard Mey: Im mittelalterlichen Soundgewand mitten durch die heutige Gesellschaft, deren Funker „zu feig ist, um SOS zu funken“. Anscheinend aber nicht der Schiffskoch, flirrt zur Zeitmarke 6:21, kurz vor dem finalen Breakdown, der in der Seefahrt inzwischen sicher als epochal angesehene Hilferuf In der Kombüse ist die Hölle los piepsend durch den Äther.
8. VLADIMIR USSACHEVSKY – Wireless Fantasy
Hier wird es experimenteller, mit einem der “Early Gurus of Electronic Music” (1960). Gewissermaßen eine Konzept- und Auftragsarbeit für den Präsidenten der American Broadcast Company, in der Signale der „drahtlosen Informationsübertragung“ benutzt werden sollten. Die Musik beginnt mit mehrmaligem "QST" in CW und endet mit dem "ar gn" eines Funkensenders.
Langsame und schnelle Morsezeichen, ein A1B-Fernschreiber und historische Funkensender-Signale begleiten das Stück. Eine mehrfache Morsetastung mit dem Namen des Pioniers "Lee De Forest" ist einem kurzen Musikausschnitt von Parsifal unterlegt. Parsifal deshalb, das sich bei der ersten jemals stattgefunden Rundfunkübertragung Lee DeForests eben um jenes Stück gehandelt hat. Und das alles quasi als ein „Tribute to Telegraphy“.
9.CHRIS DE BURGH – Ship to Shore
Hier wird direkt zu Beginn der Teil des Titels SHIP TO S mit ein wenig QSD getastet. Innerhalb der Zeitmarke 2:37 - 2:52 ist der Titel ebenfalls, zusätzlich mit nicht zuzuordnenden Morsezeichen, zu hören. Diesen Song kann man ebenfalls als einen „(See-)Funkersong“ bezeichnen.
(Auszug)
Ship to shore, do you read me anymore,
This line is bad, and fading,
Ship to shore, answer my call,
Send me a signal, a beacon to bring me home;
Moving fast, all systems go,
You and I had time to grow,
Before there was a breakdown in transmission
10. KARLHEINZ STOCKHAUSEN – Kurzwellen
Experimentelles mit dem Großmeister. Hier werden Morsesignale völlig bedeutungsunschwanger nur als bloße Sounds und Samples verwendet. Kurzwellen ist wahrlich ein treffender Titel, da es klingt, als wäre Herr Stockhausen beim herumsurfen durch die verschiedenen Frequenzbände seines Kurzwellenempfängers erwischt worden.
11. UNDERWORLD – Underneath the Radar
Hierzu gibt es nicht viel zu sagen, außer das gleich zu Beginn des Stückes Morsesignale völlig unpassend zur Verdeutlichung einer Radaranlage eingesetzt werden. Nicht alles, was durch die Luft schwirrt kann man gleichsetzen!
Hörbeispiel
Excerpt from Mike Oldfield - Fuck Off R B
Zum Schluß sei noch gesagt, dass es Morsecodes nicht nur in musikalischen Werken gibt; so gab es Kanda zur Zeit des zweiten Weltkriegs eine Münze mit der Prägung (in Morsezeichen versteht sich) We will win, when we work willingly. Gehirnwäsche auf Funker-Art.
Das Morsealphabet
A .- B -... C -.-. D -.. E . F ..-. G --. | H .... I .. J .--- K -.- L .-.. M -- N -. | O --- P .--. Q --.- R .-. S ... T - U ..- | V ...- W .-- X -..- Y -.-- Z --.. |
| 1 | Kraftwerk Radioactivity |
| 2 | Mike Oldfield Fuck Off R B (Auszug aus Amarok) |
| 3 | The Alan Parson Project Lucifer |
| 4 | Silver Convention Telegramm |
| 5 | Paul McCartney & The Wings Morse Moose And The Grey Goose |
| 6 | Oasis D’You Know What I Mean |
| 7 | Reinhard Mey Das Narrenschiff |
| 8 | Vladimir Ussachevsky Wireless Fantasy |
| 9 | Chris DeBurgh Ship to Shore |
| 10 | Karlheinz Stockhausen Kurzwellen |
| 11 | Underworld Underneath the Radar |
| 12 | Manfred Mann’s Earth Band Stranded |
| 13 | Barclay James Harvest Ring Of Changes |
| 14 | Jean Michel Jarre Chronologie |